Ich will meinen Kindern nie erzählen, dass ich bei Dance Central tanzen lernte!
Olympische Zustände in deutschen Wohnzimmern: Schweißgeruch vermischt sich mit lautstarkem Kindergeschrei. Kinect, PlayStation Move und nicht zu zuletzt Wii Motion Plus beenden die geruhsamen Nächte, in denen der bekennende Nerd sich seinem einsamen Joystick-Vergnügen opferte. Angezählt scheinen die Zeiten von Pizza, Haribo und mehrtägiger Finsternis vor der Flimmerkiste. Die neue Bewegungssteuerung von Microsoft, Sony und Nintendo zerrt die sorgsam gepflegte Geek-Kultur mit ihrer einmaligen Mischung aus Fastfood, Koffeinbrause und Pixel-Krieg ins grelle Licht der Öffentlichkeit. Ich fürchte, es gibt keinen Weg zurück!
Irgendwo zwischen Sport, Spiel und Mord
"Hau den Lukas!"
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie es soweit kommen konnte. Ich weiß lediglich, wie es anfing. Im Dezember 2006, mehr oder minder auf den Tag genau vor vier Jahren, betete die japanische Glaubensgemeinschaft eines italienischen Klempners mit roter Mütze, den schneeweißen Videospiel-Schuhkarton “Wii“ in den Lichtschein europäischer Verkaufsvitrinen. Exakt zwei Wochen belächelten, feixten und schmunzelten (im besten Fall) wir über den lustigen Namen und die albernen Mii-Charaktere mit ihren Tennisschlägern und Bowling-Kugeln. Und plötzlich stand Heiligabend vor der Tür. Es muss die besinnliche Weihnachtsstimmung gewesen sein, die uns noch vor Neujahr in die absurden Verkaufsschlangen der Spielzeuggeschäfte trieb. In der Luft lag eine rauschartige Spannung, in der wir The Elder Scrolls IV: Oblivion beiseite legten und das Wii-Sports-Schweißband überstreiften. Weitere Starttitel habe ich aufgrund unzureichender Relevanz aus meiner Erinnerung verbannt. Der Brummschädel vom Boxen, einer von fünf (!) mageren Sportarten, schmerzte noch bis Neujahr.
Früher war alles besser
Realismus pur: Großes Wohnzimmer, viele Freunde!
Erst im Frühjahr 2007 merkte jemand, dass die Wii-Fernbedienung kein durchgeknalltes Rumgehüpfe über Stuhl und Tisch im Wohnzimmer verlangte. Die knallbunten Playmobil-Figuren verausgaben sich bis zur absoluten Erschöpfung auch dann, wenn man mit zwei Fingern den Stock-Controller luftig leicht wie einen Dirigentenstab schwingt, während zufrieden die Füße über den Couch-Tisch baumeln. Kühle Getränke werden bei Bedarf serviert. Viele Titel besaßen ein solch geringes Maß an Gameplay-Anspruch, so dass ihr auch gleich noch euren drei Mitstreitern die Gläser füllen konntet und während mit einem Auge die Sensorleiste, die sich übrigens problemlos durch zwei Kerzen ersetzen lässt, ohne Anstrengung im Blick behalten habt. So hatte sich Nintendo die quietschfidele neue Hopser-Welt nicht vorgestellt und prügelte Werbespot hinter Werbespot auf die TV-Mattscheiben privater Fernsehanstalten. Dessen Botschaft: Für Videospiele brauchst du Freunde und ein großes Wohnzimmer. Grotesk!
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